The Girl with the Sun in her Eyes

Facebook ist eine faszinierende Plattform. Sie lebt von Menschen, die tagtäglich etwas posten, ihr Leben teilen und untereinander ihre Meinungen austauschen. Unter diesen vielen lebenden Profile bist du nur ein Gesicht von vielen. Und doch – eine Sache unterscheidet dich von anderen Profilen: Du weilst nun schon seit fast vier Jahren nicht mehr unter uns.
Es war Zufall, dass wir uns überhaupt kennen. Du warst auf der Durchreise und hast einen Freund besucht, der zu der Zeit zufällig der Freund meiner Mutter war. Du hast kein Wort deutsch gesprochen, dein Englisch war nicht mal ausreichend – ich konnte kein französisch und mit arabisch musstest du gar nicht erst anfangen. Da du aber ein paar Tage bei uns gewohnt hattest, haben wir uns einfach mit ein wenig Englisch, Gestik und Mimik verständigt. Es war verrückt, denn wir hatten uns irgendwie verstanden.
Ich weiß noch, wie wir uns aus Spaß Perücken angezogen hatten. Du meintest, es stehe mir super, während ich es total lausig fand. Du hast mir darauf eine rote Perücke geschenkt, die ich eigentlich abgelehnt hatte. Letztendlich behielt ich sie doch, denn ich konnte nicht nein sagen, so wie du mich angestrahlt hattest.
Wir gingen shoppen und obwohl Heilbronn keine besonders aufregende Shopping-Stadt ist, wolltest du alle Läden betreten. Du hattest viel zu viele Kleiderbügel in der Hand gehabt, entweder fandest du die Sachen total bescheuert oder du hattest die Klamotten mir hingehalten und sie gedanklich mir angezogen. Ich lehnte meistens dankend ab, denn wir hatten so ziemlich gegensätzliche Geschmäcker. Am Ende fandest du doch ein paar Ohrringe, die ich auch total süß fand. Du hieltest sie mir hin, befandest sie als gut und kauftest sie mir. Mit der Zeit ist der Schmuck kaputt gegangen, aber ich besitze ihn immer noch.
Du wolltest tanzen gehen, also habe ich dich begleitet. Wir gingen in ein Club, das ich normalerweise meide und wir tanzten die ganze Nacht auf der schlechtesten Musik, die ich jemals gehört habe. Eigentlich hatten wir uns ziemlich mächtig blamiert, so doof hatten wir da getanzt, und trotzdem hatten wir unheimlich viel Spaß gehabt. Letztendlich wollte ich gar nicht mehr nach Hause, aber auch meine Füße waren irgendwann müde.
Am letzten Tag, an dem wir uns sahen, hattest du mich geschminkt. Ich fuhr über das Wochenende zu meinem damaligen Freund und du wolltest mich hübsch machen. Also hatte ich dich mich schminken lassen. Normalerweise griff ich zu lila-weißem Lidschatten und einem einfachen schwarzen Lidstrich, du aber hattest mir einen türkisfarbenen Lidstrich verpasst, dass sehr stark an die Abbilder von Kleopatra erinnerte. Meine Wangen hattest du übertrieben rot geschminkt, zumindest empfand ich das so damals, und als du fertig warst, hattest du so wunderschön gelächelt, sodass ich dir zunächst glaubte, dass mein Make-Up gut aussähe.
Zum Abschied hatten wir uns gedrückt, ich versuchte irgendwie dir eine gute Weiterreise zu wünschen und du hattest etwas gesagt, das ich nicht verstanden hatte. Dabei hattest du, wie so oft in den letzten Tagen, gelächelt. Im Nachhinein wünsche ich mir, ich hätte dich verstanden.
Als ich zurück kam, warst du nicht mehr da. Du warst weggefahren und das Zimmer, das du mit Leben fülltest, war wieder ein ungenutzter Wohnraum. Und da wurde mir erklärt, was Sache war. Du warst auf deiner allerletzten Reise, denn du hattest Leukämie im Endstadium. Keine Therapie konnte dir mehr wirklich helfen, also nahmst du das Geld, dass du als Radio-Moderatorin in Tunesien verdient hattest, und hattest alle deine Freunde und Bekannte, die auf der Welt verteilt sind, besucht. Dass du krank warst, konnte ich nicht erkennen, denn mal von unserer Sprachbarriere abgesehen, hast du zu lebendig gewirkt, um todkrank zu sein.
Am 30. November 2012 hast du deine Reise beendet.
Manchmal denke ich an dich und im Nachhinein bin ich so unglaublich dankbar, dass ich dich kennen lernen durfte. Wir sprachen nicht einmal dieselbe Sprache und trotzdem haben wir uns irgendwie verstanden. Du hast mir gezeigt, dass das Leben lebenswert ist, egal wie furchteinflössend es manchmal sein kann. Dass man ruhig peinlich sein darf und dass man manchmal einfach auf schlechte Musik tanzen muss und trotzdem Spaß haben kann. Dass der Tod nicht das Ende sein muss, sondern ein Anfang, vor dem man sich nicht fürchten muss. Und dass, egal wie scheiße das Leben mit einem spielt, man trotzdem lächeln und nach vorne schreiten kann.
Obwohl wir uns nicht lange kannten, hast du mich nachhaltig geprägt. Dank dir habe ich keine Angst mehr davor.

Allah Yarhamha.

kaboompics.com_Girl with sunflower

More about Mira Mica

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.